
Österreichischer Champion, Agility 1, BOB, (FCI: ) S 949
genetisch frei von CEA
15.09.2006
Es mußte eine Zeit vergehen, bevor ich über Dajm schreiben
konnte. Bis ich begriffen habe, daß ich über Dajm in
der Vergangenheit schreiben und reden muß. Er ist so plötzlich
von uns gegangen, daß es dauert, bis man realisiert hat, daß
er nicht mehr da ist.
Eben war da noch ein glücklicher, ausgelassener Sheltie in
seinem fünften Jahr, mit viel Energie und lauter Plänen:
Er wollte mit Paul in der Jugend-Agility-Klasse starten, im Herbst
seine Anlageprüfung an den Schafen absolvieren, seinen Internationalen
Champion-Titel zu Ende sammeln, hübsche Sheltie-Mädchen
waren für Rendevous mit ihm vorgemerkt, um den drei Würfen
nach ihm noch weitere folgen zu lassen...- und den Border Collies
wollte er noch so viele Bälle wegschnappen! Er konnte nämlich
wie ein Hase wenden und war so viff und aufmerksam, daß er
im Border-Rudel fast derjenige war, der sich einen geworfenen Ball
am häufigsten geschnappt hat!
Innerhalb von eineinhalb schrecklichen Juni-Wochen wurde Dajm von
einem Hirntumor aus dem Leben gerissen.
Es fing an damit, daß er sich beim Gehen leicht zur Seite
eindrehte. Er wurde behandelt und erholte sich bis zum Wochenende
so gut, daß er ein letztes mal der glückliche und strahlende
Star auf einem Schulfest sein konnte.
Dann ging es aber innerhalb von Tagen steil bergab, und in der Nacht,
nachdem das CT den Hirntumor schließlich in voller Größe
gezeigt hatte, verließ uns unser Dajm. Nach dem CT hat er
nur noch geschrien, daß es einem das Herz zerriß, aber
seine letzte Kontaktaufnahme in der Nacht war ein Blick und ein
Seufzer mit seiner eigenen Stimme.
Dajm war ein Hund, der reden konnte.
Man konnte mit ihm plaudern, und er lag vor einem, schaute einen
unglaublich aufmerksam an, wartete, bis ein Satz aus war und kommentierte
ihn in melodiös modulierten Wuff- und Grummel-Lauten.
So konnte man ganze Gespräche mit ihm führen. In Hundesprache.
Das war natürlich eine Fähigkeit, die er zum Diskutieren
seiner Rechte verwendete.
Er konnte an der Schwelle zum Wohnzimmer stehen, (unsere Hunde müssen
fragen, wenn sie ins Wohnzimmer wollen) und uns mit schiefgelegtem
Kopf, zugespitzten Lippen und vorwurfsvollem Ausdruck in komplizierten
Sätzen aus leisen Hunde-Lauten zu erklären, warum er heute
hereingelassen werden müsse. Er verhandelte ausdauernd, aber
mit höchst zivilisiertem Diskussionsstil. Er wartete immer
ab, bis man seinen Antwortsatz fertig gesprochen hatte und wurde
im Gespräch auch niemals laut.
Um die magische Schwelle zum Wohnzimmer zu überschreiten, auch
wenn es ihm nicht erlaubt war, fielen ihm die gefinkeltsten Tricks
ein.
Hier ein paar der unwiderstehlichsten zum Benefit der Sheltie-Nachwelt:
1. Man stellt sich mit einem Ball an die Schwelle. Der Ball fällt
einem leider aus dem Mund (Bälle sind manchmal SO glitschig)
und man muß ihn leider holen gehen. (sonst stolpert noch jemand)
Kann man beliebig oft wiederholen. Schließlich ist es nicht
verboten, mit einem Ball an der Wohnzimmerschwelle zu stehen.
2. Man steht an der Wohnzimmerschwelle und muß plötzlich
schrecklich nießen und es schleudert einen zwanzig Zentimeter
ins Zimmer, was man leider nicht bemerkt, weil man beim Nießen
die Augen zu hatte.
3. Wie gehabt steht man an der Schwelle, als man plötzlich
wahnsinnig müde wird und gähnen muß. Dazu muß
man sich ein wenig strecken- nach vorne sind da gute zwanzig, dreißig,
mit etwas Geschick auch mehr Zentimeter möglich!!!
4. An der Schwelle -wie üblich- hört man mit seinen extrem
feinen Ohren ein für Menschen nicht vernehmbares -aber sicher
sehr bedrohliches- Geräusch und wirft sich mit einem heldenhaften
Wuff herum, um sich dann in Gegenrichtung auf Ausguck zu legen-
Dieser Trick ist eine ganze Hundelänge wert- allerdings schaut
man am Ende in die falsche Richtung!
Dajm war blitzgescheit. Man hatte das Gefühl, daß er
sich Tricks geradezu ausdachte. Wenn er zum Beispiel trotz seiner
schnellen Spurts und hasenartigen Wendigkeit seinen Ball an einen
der Border Collies verloren hatte, hatte er da einen besonderen
Trick, um ihn doch noch zu bekommen. Die Borders fielen immer wieder
darauf herein!
Man muß dazu dem balltragenden Border Collie mit einem blitzschnellen
Spurt den Weg abschneiden, dann genau auf die Höhe des Border-Ohrs
hinaufspringen und einen einzelnen 120 Dezibel-Beller gezielt aufs
Border-Trommelfell schleudern! Der Schock -oder Ärger, oder
war auch immer- sorgt jedenfalls zu 90 Prozent für sofortiges
Auslassen des Balls! Das Spiel geht an den Sheltie, der mit dem
Ball davonspritzt!
Es ist so ernst geworden in unserem Rudel, seit es keinen Dajm mehr
gibt. Und in unserer Trainingsgruppe fehlt das Maskottchen.
Mein kleiner Dajm, Sonnenstrahl im schwarz-weißen Rudel, Clown
unter den Workoholics, feinfühliger Trost-Kuschler, immer dabei
aber gekonnt niemals im Weg...Deine Geschichte ist unvollendet geblieben-
mitten im Kapitel abgebrochen.
