
Wien erlebte dieser Tage die Welturaufführung von Roman Polanskis "Tanz der Vampire" als Musicalfassung auf der Bühne des Wiener Raimundtheaters. "Tanz der Vampire" der schon als Film ein Erfolg war erlebt nun, 30 Jahre nach seinem Vorgänger ein Comeback.
Die Hauptrolle in diesem Stück werden von Steve Barton als Graf
Krolock (hat bereits im Musical "Die Schöne und das Biest" überzeugend
die Bestie gesungen), Aris Sas als Alfred, Cornelia Zenz als Sarah und
Gernot Kranner als Professor Abronisus gespielt
| Polanski drehte seinen Film "Tanz der Vampire" 1967. Er kreierte damit
eine neue Art von Gruselfilmen... unheimlich Komisch. Der Film besticht
nicht nur durch seine Situationskomik sondern auch durch seine einfache
Handlung: Professor Abronsius kommt mit seinem Gehilfen Alfred nach Trannsylvanien
um nach Vampiren zu suchen. Kaum in einem kleinen Gasthaus angekommen verliebt
sich Alfred in die schöne Wirtstochter. Die Tochter wird vom Grafen
Krolock (ein Vampir) auf sein nahes Schloß entführt. Und schon
sind der Professor und Alfred hinterher um sie zu retten....
ORF: [...] "Man kann den Film nicht einfach auf der Bühne nachmachen, man muß eine neue Sprache erfinden", betonte Polanski die Unterschiede zwischen Musical und Film-Version. Auch der Inhalt sei ein wenig geändert worden. Für das Kino habe er versucht, den Dialog möglichst gering zu halten und dafür die Handlung voranzutreiben. Da bei einem Musical jedoch viel Text gesungen werden müsse, sei den Charakteren mehr Tiefe verliehen worden. Auch der optische Stil sei anders. "Wenn Sie den Film mögen, wird Ihnen auch das Musical gefallen", verspricht der Regisseur.[...] |

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Kritiken:
Presse Standard Kurier Kronen Zeitung Kleine Zeitung
Die Presse / 6.10.1997 Bombastischer Video-Clip von Barbara Petsch
Roman Polanski versuchte, sein ironisches Meisterwerk "Tanz der Vampire" wiederzubeleben - und wurde brutal von der Musicalmaschine überrollt. Das neue Produkt, seit Samstag im Raimundtheater zu sehen, nimmt sich dennoch eindrucksvoll aus.
Vampire sind Fledermäuse, in exotischen Breiten zu Hause, alles andere ist Unsinn, pflegte mein Vater zu sagen, wenn ich nachts auf der Flucht vor Dracula ins elterliche Bett schlüpfte. Mein Lehrbuch weiß es besser. Peinlich genau breitet es aus, was Schriftsteller, Kulturhistoriker, Seelenforscher rund um den Vampir erfanden und fanden. Nachgedacht, wie er seinen 30 Jahre alten Kultfilm musicalgerecht aufbereiten könnte, hat wohl auch Roman Polanski - und alsbald dürfte ihm aufgegangen sein, daß bizarrer Humor und raffinierte Simplizität im Entertainment fehl am Platze sind.
So strich er alles bis auf die Simplizität und ließ die Mannschaft machen, Komponist, Texter, Bühnen- Kostümbildner, Lightdesigner, bei denen sich der sympathische Weltstar am Ende der Musical-Welturaufführung im Raimundtheater Samstag artig bedankte.
Die Story ist soweit heil geblieben: Skurriler Professor macht sich mit seinem Gehilfen auf, im Rumänischen das Vampirische zu erkunden. Die beiden treffen auf eine zarte Maid und einen unheimlichen Grafen, werden von den Vampiren beinahe überwältigt, entkommen - bleiben jedoch den bösen Untoten verfallen . . .
Daß der Filmplot dünn ist, hat dort nicht gestört, dem Musical wird die Handlungsarmut beinahe zum Verhängnis. Als Nummernrevue schleppt sich der Vampirstanz zeitweise dahin, verrät seine nahe Nachbarschaft zum "Phantom der Oper", "Beauty and the Beast", fernere Anleihen bei "Les Miserables", "Kuß der Spinnenfrau". Musicals reduzieren sich immer mehr auf die Reproduktion ihrer selbst, Originalität, stilistische Innovationen scheint keiner mehr wagen zu wollen. Michael Kunzes teilweise krampfhaft tiefsinniger Text bleibt oft undeutlich, mit Jim Steinmans Musik erinnert die Kreation an einen Videoclip. Kein Mensch pfeift heute noch Gassenhauer. Der jugendliche Couch Potatoe schaltet den Fernseher ein - und hüpft mit der Fernbedienung herum.
Engagierte
Mimen
Steve Barton dominiert als Graf bravourös die Szene,
als Magd mit mächtiger Stimme nimmt Eva Maria Marold für sich
ein. Passend milde Holdheit verströmt Cornelia Zenz als Sarah. Aus
seiner ohnedies dankbaren Rolle macht Gernot Kranner als Professor Abronsius
das Beste. Aris Sas gibt dem reinen Toren Alfred Wohllaut, aber einen allzu
schweren Drall ins Dumm-Naive. James Sbano als Wirt Chagal, eine Art Tevje-Remake,
weicht, zum Vampir mutiert, nicht vor dem Kreuze: "Bei mir wirkt das nicht.
Ich bin Jude." Das geile Pärchen Chagal-Magda kassiert die meisten
Lacher. Wie der Graf ist auch sein Sohn Herbert (Nik) als edel geschmeidiger
Homosexueller ein optisch prächtiger Blickfang.
Der Choreographin Dennis Callahan wurde reichlich Raum gegönnt, den sie brav auffüllt mit Ballett, Quadrille, gymnastischer Artistik a la Break Dance, grotesken Um- und Aufzügen - die naturgemäß vor allem von den opernhaften Kostümen und Masken Sue Blanes leben. Sogenannte special effects gibt es nicht.
Bühnenbildner William Dudley entwarf die schönsten Tableaux für Anfang und Schluß, auch das sinistre Wirtshaus läßt sich sehen, ansonsten reichlich Särge und Spinnweben in der Schloß-Grottenbahn. Wo sich Roman Polanski in dem ganzen mal wüsten, mal burlesken Treiben verwirklicht hat, bleibt weithin unklar. Vielleicht in der Grundidee: die köstlich spleenige filmische Assoziationskette durch die Pointierung schmutziger versus sauberer Sex, Graf versus Alfred zu ersetzen. Das Ganze bleibt trotzdem keim- und jugendfrei. Drei Stunden, unterbrochen durch die Pause, läuft das Werkl wie geschmiert. Es schließt mit dem die Parole Null-Bock-auf-gar-nichts preisenden Chorus "Was aus dieser Welt wird, ist uns scheiß-egal" - und signalisiert damit unüberriechbar, daß es für den Export ins deutsche Stadttheater konzipiert wurde. Wie schön, daß wenigstens irgendwer sich Gedanken gemacht hat, wie ein bißchen was von dem vielen Geld, das der österreichische Steuerzahler spendiert hat, wieder hereingebracht werden könnte. Klausnitzer sei Dank! Applaus.
Der Standard / 6.10.1997 Die rührseligen Beißerchen von Ljubisa Tosic
Vom skurril-heiteren Film zur etwas biederen Liebes-Story: Roman Polanskis Filmhit "Tanz der Vampire" wurde zum familienfreundlichen, professionell gemachten Grusical umgestaltet, das sich - nicht nur mit Gewinn - an Musical- Konventionen annähert.
Nun wissen wir es: Es muß nicht erst eine Prinzessin sterben, damit sich komponierende Menschen zur Umdichtung und zum Neueinsatz ihrer Hits aufraffen. Bisweilen reicht schon der Druck aus, etwas schreiben zu müssen, das einem Werk möglichst ewiges Bühnenleben verleiht, um Tonsetzer zu "Vampiren" ihrer eigenen Klanggeschöpfe zu machen.
Komponist Jim Steinman hat offenbar gar nicht versucht, für den Tanz der Vampire eine neue Kennmelodie zu schreiben. Den eingängigsten Teil seines musikalischen Beitrags zur Musicalversion des Roman-Polanski- Films hat er seinem Fundus entnommen - in der nicht falschen Annahme, daß ein Hit ein Hit bleibt, einerlei, ob ihn Meat Loaf, Bonny Tyler oder ein charmanter Untoter singt.
Sich selbst zu covern, ist keine Sünde. Eher muß man dieser Produktion vorwerfen, daß sie nicht genug stibitzt hat - vor allem von der Filmvorlage. Und insbesondere trifft Polanski der Vorwurf, sich selbst nicht ausreichend an den eigenen Ideen vergriffen zu haben. Anstatt uns eine künstliche Parodie-Welt aus Blut, Knoblauch und Zähnen zu bieten, hat er seinem Stoff etwas den humorigen Zahn gezogen und ihm (auch als Regisseur) eine Plombe der Rührseligkeit eingesetzt.
Die Charaktere plötzlich ernst nehmen? Das wäre nicht nötig gewesen. Wer möchte auch schon einen Grafen von Krolock (routiniert und charmant Steve Barton) gleichsam als Menschen wie du und ich klagen hören, daß sein "Hunger nie aufhört" (eine Eßstörung haben wir wahrscheinlich selbst)?
Und wer möchte auch schon die menschelnden Selbstdarstellungen der Figuren hören, wenn diese auch noch in Form platter Alltagstexte (Michel Kunze) daherkommen, die schlechten deutschen Schlagern entstammen könnten? Gottlob ist aus der gruseligen Parodie jedoch nicht nur eine putzige Liebesgeschichte geworden, die sich durch einen Biß erfüllt.
Seltsame
Ballnacht
In einem an Hard-Rock-Albumcovers der 70er Jahre gemahnenden, pseudo-gotischen Bühnenbild (William Dudley) darf sich im zweiten Akt dann doch die Geschichte rund um die Ballnacht der ruhelosen Seelen entfalten - in effektvollen Choreographien (von Dennis Callahan, der natürlich an Michel Jacksons Thriller-Video nicht vorbeikam) dürfen sie ihren Särgen entsteigen und am Ball der etwas anderen Art das untote Tanzbein schwingen.
Auch hat es nicht geschadet, Professor Abronsius (sympathisch und witzig Gernot Kranner) einen großen Teil seiner spleenigen Zerstreutheit zu lassen und diese auch noch musikalisch zu verstärken. Ein Kompliment an der Komponisten: Er hat nicht nur für den Professor eine an Rossini gemahnende, sich beschleunigende Parlando-Arie ersonnen.
Er hat vor allem im ersten Akt für eine flüssige Dramaturgie gesorgt, die einer oft in den Herzensergüssen der Figuren steckenden Handlung Beweglichkeit garantiert - durch fein inszenierte Übergänge und Stilkopplungen. Der Mann hat im Supermarkt der Stile gut eingekauft:
Er pendelt vom Symphonik- Rock der 70er Jahre gekonnt zum folkloristischen Stetl- Flair, packt auch Heavy-Metal-Aggressivität hinein und ist auch nicht verlegen um einen herzhaften Rockboogie. Damit aber ähnelt das Musical nicht nur optisch, sondern auch musikalisch einigen Vorbildern und bietet eine Mischung aus Rocky Horror Show, Anatevka und Phantom der Oper. Egal.
Daß die Mischung professionell gemacht wirkt, ist nicht zu leugnen und hängt auch mit Cornelia Zenz (Sarah) und Aris Sas (Alfred) zusammen. Ob sie aber für ein ewiges Bühnenleben reicht . .
Kurier / 6.10.1997 Tot sein ist komisch: Wien bittet zum "Tanz der Vampire" von Guido Tartarotti
Roman Polanskis Musical-Weltpremiere im Wiener Raimundtheater wurde ein umjubelter Erfolg.Wäre "Der Tanz der Vampire" eine Rockshow, müßte man sagen: sensationell.
Da "Der Tanz der Vampire" aber ein Musical ist, muß man sagen: sensationell. Oder zumindest fast.Roman Polanski und Komponist Jim Steinman bilden das real existierende Gegenwartsmusical ab. Und das klingt nun einmal nicht wie "Kiss Me Kate", sondern wie ein Rockkonzert.
Es ist die alte Geschichte vom Vampirbiß als Entjungferungsmetapher. Das Grafen-Schloß funktioniert als Symbol auch nicht anders als der Venusberg im "Tannhäuser". Aber bei allem wagnerianisch drohenden Pathos verhindert die Ironie als Seitenaufprallschutz zumindest Personenschäden. Das Ganze ist, zunächst und vor allem, Parodie.
"Tot sein ist komisch" singt die Magd Magda kurz vor ihrer Benagung. Wirtstochter Sarah, die zwischen der Erotik des Grafen und der Liebheit des jungen Alfred Gefangene, hält sich an dieses Motto: Sie schnappt den Jungen und erotisiert ihn sich ein.
Großräumig nachpfeifbar
Steinman gelingen vor allem im ersten Teil sehr sensible Melodien, seine Songs sind großräumig nachpfeifbar. Nach der Pause scheint er mit dem Komponieren nicht ganz fertig geworden zu sein, denn er greift auf die Melodien des 1. Aktes und auf seine alten Bonnie-Tyler-Hits zurück. Was die Emotions-Flußdichte eher noch erhöht.
Das Musicalgenre scheint komischerweise im Zehnjahresabstand hinter der aktuellen Rockmusik nachzulaufen. Andrew Lloyd Webber türmte Klangbausteine aus den 60er und 70er Jahren aufeinander, "Tanz der Vampire" ist fest im Stahlbeton des Mittachtziger-Bombastrock fundamentiert. Und in zehn Jahren werden Musicals wohl nach Nirvana klingen. Steinmans synkopierte Melodien sind jedenfalls eine Alternative zum akustischen Schleim des späten Webber.
Autor Michael Kunze ringt der für gesungene Satire kaum geeigneten deutschen Sprache weitgehend unpeinliche, oft kraß komische Dialoge ab. Oft legt er den Sängern zu viele Silben in den Mund, vor allem Steve Barton hat schwer zu kauen.
Daß Kunze die Vampire als Ellbogengesellschaft deutet ("Wir haben null Moral, was aus der Welt wird, ist uns scheißegal") erinnert wieder an seine Arbeiten für Udo Jürgens.
Röhren und zittern
Steve Barton als röhrender Vorstandsvorsitzender des Vampir-Konsortiums weiß, daß seine Bühnenpräsenz keine Fragen aufkommen läßt. Und er weiß, daß auch das Publikum dieses weiß. Aris Sas als jugendlicher Unheld ist stimmlich wie schauspielerisch das Angebot des Abends. Wenn er sich mit fester Stimme und zitternden Knien selbst Mut zusingt, möchte man vor lachen fast in die Sitzlehne beißen.
Cornelia
Zenz entwirft die Erotik ihrer Sarah eher reizend als gereizt, ihre variable,
nie protzige Stimme gibt den Duetten mit Aris Sas viel Sex-Appeal. Gegenüber
Barton hat sie die Kehle voll zu tun, um dem Niedergedröhntwerden
zu entgehen.
Gernot Kranner gibt als Professor Abronsius einen Schauspieler, der die launige Rolle zu geben hat. Seine hochsportliche Ganzkörperkomik macht ihn zum Publikumsliebling, sie wirkt jedoch so angestrengt, daß man vom Zuschauen fast einen Muskelkater kriegt.
Eva Maria Marold als erotische Dienerin Magda legt mit ihrer großkalibrigen Stimme ohne Rücksicht auf Verluste den Saal flach und ist - im Team mit James Sbano als Wirt Chagal - die bessere Lieferantin von Lach-Ware.
Die Tanzszenen stehen für die Inszenierung: sie sind laut und sehr sexy. Das wird ein Welterfolg, bestimmt.
Sicher gibt es viele gute Argumente, warum diese Aufführung künstlerisch ein Flop gewesen sein muß. Mir fallen nur keine ein.
Kronen Zeitung / 6.10.1997 Das könnte ein Welt-Hit werden! von Karlheinz Roschitz
Ab sofort ist Wien Vampirstadt! Roman Polanski und sein Team machens möglich: Die Welturaufführung des Musicals "Tanz der Vampire" im Raimundtheater wurde von einem geradezu hingerissenen Publikum mit Jubel und stehenden Ovationen gefeiert. Und: Polanski erwies sich einmal mehr als Theatermann mit fabelhaftem Gespür für junge Schauspieler.
Hingehen, anschauen, staunen! Und unbedingt ein paar Knoblauchzehen nehmen! Denn nach uraltem transslyvanischem Volksglauben ist dieser das einzige Mittel, die Blutsauger abzuwehren, wenn sie hier in Scharen durch den Zuschauerraum fegen und für leisen Schauder sorgen. Roman Polanski hat seinen Kultfilm "Tanz der Vampire" von 1966/67 mit sicherer Hand für Wien umgekrempelt.
Dank Textautor Michael Kunze hat die Musical-Dramaturgie Biß. Und wenn auch manche Reime auf englisch wohl spritziger wären, ist da ein Mix aus Herz und Schmerz, Scherz, Ironie (und gelegentlich ein bißchen tieferer Bedeutung) gelungen. Daß im Zuschauer eine Art von Mitleid für den Vampirgrafen von Krolock und seine Grufti-Familie aufkeimen, ist ein Beweis. Komponist Jim Steinman verpackt den Horror gekonnt: Explosiven Rock - im Finale zur hämmmernden Disco-Orgie gesteigert - hat er mit süßlich-sentimentaler Melodik durchwoben. Manches klingt nach Allerweltseinfall. Beim Publikum kommen die Nummern aber an. Applaus nach jeder Szene! In William Dudley hat Polanski einen grandiosen Bühnenbildner. Einen Verführer, der uns den Einstieg in die Welt des Phantastischen leicht macht: Die triste Schneelandschaft, die verkommene Dorfschenke und vor allem der riesige Horrorpalast mit seinen bizarren Sälen - Ahnengalerie, Bibliothek, Bad, Gruftanlage - bescheren ein Schauvergnügen. Von höchster Perfektion: Sue Blanes hinreißende Vampir-Haute-Couture und Hugh Vanstones Lichtdesign.
Vor
allem aber hat Polanski eine Besetzung, die neben dem Vorbild des Films
bestehen kann: "Horror-Spezialist" Steve Barton ist ein zähnebleckender
Graf, der das allgemein Menschliche des Vampirdaseins hervorkehrt: die
Gier! Er zeigt sich dabei smart, mit dem Charme des Absonderlichen gerüstet,
wie sein schwuler Sohn Herbert (NIK spielt ihn delikat). Gernot Kranner
ist ein herrlich skurriler Professor Abronsius, der einen herzlich lachen
läßt; James Sbano ein jüdischer Wirt Chagall von erfrischender
Komik, Torsten Flach der hinkende, schielende Koukol, das Faktotum der
Untoten, Anne Welte eine drall-lustvolle Rebecca. Die Entdeckung ist aber
das junge Paar: Cornelia Zenz ist eine Sarah von mädchenhaftem Charme,
mit Bühnenpräsenz und hübscher Stimme; und Aris Sas spielt
Polanskis Lieblingsfilmrolle, den Alfred: ein sympathischer Tolpatsch,
der mit Bubencharme beweist, daß der Weg zur (Vampir-)Hölle
mit guten Vorsätzen gepflastert ist.
Kleine Zeitung / 6.10.1997 Blut und Kaspreßknödel von Frido Hütter
"Tanz der Vampire", Roman Polanskis Musicalversion seines legendären Kinofilmes, ist keine Sensation geworden.Ein Premierenbericht.
Der Star des Abends war ausnahmsweise der Regisseur. Roman Polanski saß mit Frau und Töchterchen im Parkett. Und keiner von jenen, die zuvor über den roten Teppich ins Raimundtheater geschritten waren, darunter Allroundstar Niki Lauda, Playgreis Gunther Sachs, Schönheit Sonja Kirchberger, Staatsvampir Rudolf Edlinger u. a., zog soviel Blitzlicht auf sich wie Familie Polanski.
Legenden
Dem 64jährigen Polen verdankt das Kino Legenden wie "Ekel", "Rosemaries Baby", "Chinatown" etc. Er hat Theaterstücke und Opern inszeniert. Also ist der Anspruch, dem man einem Musical aus seiner Hand entgegenbringt, hoch. Zumal er denselben Stoff unter gleichem Titel vor genau 30 Jahren als genialen Kinostreich lanciert hat. Fazit nach der Wiener Premiere: "Tanz der Vampire" kann als Musical die hochgesteckten Erwartungen definitiv nicht einlösen. Die Hauptursache liegt wohl in Jim Steinmans Musik. Sie ist durchwegs unsignifikant, ein hypnotisches Leitmotiv fehlt. Steinmans großer Hit für Bonnie Tyler, "Total Eclipse Of The Heart" , muß als melodisches Déjàvu aushelfen. Ihrer Anlage nach sind Steinmans Kompositionen für mächtige Rockstimmen geschrieben. Was beispielsweise Steve Barton als Graf Krolock in einige Schwierigkeiten brachte: Nach dieser Premiere darf er als Erfinder des akustischen Kaspreßknödels gelten. Aris Sas (Gehilfe Alfred) und Cornelia Zenz (Sara) bewältigen ihre Aufgabe in juveniler Unschuld. - Ob sie wegen der teilweise schwachsinnigen Texte von Michael Kunze ("Mit dir kann ich bis zu den Sternen gehen, mit dir in die Zukunft sehen") zeitweilig rot geworden sind, ließ sich aus der zwölften Reihe nicht zweifelsfrei feststellen.
Pädagoge
Und wenn Kunze die Disco-Generation singen läßt: "Wir haben keine Moral, was aus der Welt wird, ist uns scheißegal", weist seine Zukunft in den Klub frustrierter Pädagogen. Musicalbühnen eignen sich kaum zur Ausschüttung präsenil gestauten Moralins. Am besten kommt Gernot Kranner als Professor Abronsius davon: Sein komisches Talent übertrifft die Kinovorlage eindeutig.
Böse Mädchen
Polanski hält sich sehr nahe an seinen Film. Bloß ist dieser wegen zahlreicher Details witziger. Einmal zitiert er auch einen Kinokollegen: Der Aufmarsch der Untoten erinnert verdammt stark an John Landis' legendäres "Thriller"- Video für Michael Jackson. William Dudleys Bühne erinnert erst an "Anatevka". Das Schloß hingegen könnte direkt aus Francis Ford Coppolas "Dracula" kommen. Ein (wichtiges) Detail hat Polanski gegenüber dem Film geändert: 1967 wurde Sara noch gegen ihren Willen von Krolock aus dem Bad aufs Schloß entführt. 1997 geht sie aus Neugier und freiwillig. - Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse wenigstens ins Raimundtheater. Es gab soliden Premierenapplaus. Ob man daraus auf einen kommenden Publikumserfolg schließen darf, ist schwer zu sagen.

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